fbpx

Panos Kalantzis zum Thema „Gliedertaxe und Progression in der Unfallversicherung“

Bereits im ersten Teil des Interviews stand uns Herr Panos Kalantzis von der Bayerischen Rede und Antwort. Der Experte für Unfallversicherungen und Biometrie erklärte uns detailliert, ob eine Unfallversicherung Sinn macht, wann diese leistet und worauf man achten sollte.

Wir freuen uns auf den zweiten Teil des Interviews!

Heute gilt es zu (er-)klären:

  • die Gliedertaxe als Herz der Unfallversicherung
  • Was ist eine Progression und was bewirkt sie?
  • Was ist die richtige (Mindest-)Versicherungsgrundsumme?
  • Warum sind Zusatzleistungen in der Unfallversicherung oft nicht sinnvoll? Was macht Sinn?
  • Das Highlight der Bayerischen: die Unfallversicherung INDIVIDUAL

Warum die Gliedertaxe das Herz der Unfallversicherung ist.

rauch.zeichen: Die Gliedertaxe und die Progression sind Themen der Unfallversicherung, bei denen viele Kunden gedanklich austeigen. Diese Begriffe sind einfach sehr abstrakt.

Deswegen wollen wir es genau wissen. Was ist eine Gliedertaxe und warum ist diese so wichtig?

Panos Kalantzis: Die Gliedertaxe gibt vor, wie hoch der Invaliditätsgrad bei Verlust oder Funktionsbeeinträchtigung bestimmter und ausdrücklich bezeichneter Körperglieder ist.

Die Bemessung der Invalidität außerhalb der Gliedertaxe erfolgt nach medizinischen Gesichtspunkten. Aus Kundensicht ist die Gliedertaxe deswegen wichtig, weil sie sowohl die Höhe des Beitrags, als auch die Höhe der Entschädigung maßgeblich mit beeinflusst. Es macht im Leistungsfall schon einen Unterschied , ob z.B. der Verlust des Armes 70% oder 80% Invalidität bedeutet.

Daher ist die Gliedertaxe aus meiner Sicht ein wichtiges Kriterium, wenn es um die Auswahl des passenden Tarifs geht. Jeder Versicherer verwendet nämlich eigene Gliedertaxen.

Progression klingt nach Fortschritt: braucht eine gute Unfallversicherung eine hohe Progression?

rauch.zeichen: Und was versteht man in der Unfallversicherung unter „Progression“? Braucht man das wirklich?

Panos Kalantzis: Die Progression ist eine zusätzliche Vereinbarung mit einem einfachen Prinzip: ich bekomme mehr Geld als mir nach dem festgestellten Invaliditätsgrad eigentlich zustehen würde.

So erhalte ich etwa bei einer Invalidität von 80% nicht nur 80% der vereinbarten Invaliditätsleistung, sondern – je nach Vereinbarung – 200% bis 300%.

Der Hintergrund dieser Regelung ist, den höheren Kapitalbedarf bei besonders schweren Unfällen überproportional höher abzusichern. Eine Progressionsstaffel wird meistens mit einem Prozentsatz ausgedrückt, z.B. 225%. Das bedeutet, dass bei 100% Invalidität das 2,25fache der vereinbarten Invaliditätssumme ausbezahlt wird. Die gängigen Staffeln sind 225%, 350%, 500% und 1.000%. Die Progression ist ebenfalls kostenpflichtig.

Der schwierige Teil Ihrer Frage ist, ob man die Progression wirklich braucht. Nun, es gibt zwei Meinungslager. Wenn der Kunde eine bestimmte Beitragsobergrenze vorgibt, empfehlen

  • die einen eine hohe Invaliditätssumme und eine niedrigere Progression. Ihre Argumentation ist: die Progression greift erst bei ab einem Invaliditätsgrad von 25%. Mit einer hohen Invaliditätssumme werden also auch leichtere Unfallfolgen adäquat entschädigt.
  • die anderen eine hohe Progression mit einer niedrigeren Invaliditätssumme. Ihre Argumentation ist: „die Unfallversicherung brauche ich nur für den Fall der Fälle.“

So wirkt sich die Progression in der Unfallversicherung konkret auf die Leistung aus.

rauch.zeichen: Jetzt geht es ins Eingemachte: was bedeutet die Progression in der Unfallversicherung in Zahlen?

Panos Kalantzis: Am besten erkläre ich das mit einem Beispiel. Wir nehmen denselben Versicherungstarif und berechnen:

  • Variante 1: Invaliditätssumme 100.000€ und Progression 500%
  • Variante 2: Invaliditätssumme 50.000€ und Progression 1.000%

Bei beiden Varianten würde ein Kunde bei 100% Invalidität EUR 500.000 bekommen. Liegt aber die Invalidität bei 50%, bekommt der Kunde aus der 1. Variante EUR 150.000, während der Kunde mit der Variante 2 nur EUR 75.000 bekommt – also genau die Hälfte.

Und das ist auch gerecht, da der Kunde der Variante 2 einen niedrigeren Beitrag für seine Unfallversicherung bezahlen muss.

Ich persönlich lege mehr Wert auf eine hohe Invaliditätssumme. Wenn der Kunde unbedingt den Beitrag reduzieren möchte oder sogar muss, dann lieber zu Lasten der Progression. Schließlich führt – glücklicherweise – nicht jeder Unfall zu einer Vollinvalidität.

Im einem Leistungsfall aus meinem Kundenkreis erlitt mein Kunde einen offenen Unterschenkelbruch, der beinahe zur Amputation knieabwärts geführt hätte. Diese konnte aber vermieden werden. Am Ende verblieb eine 50%ige Funktionsbeeinträchtigung des betroffenen Beins. Das entspricht einer Invaliditätssumme von „nur“ 40%. 

Wie man als Kunde in der Unfallversicherung die richtige Versicherungssumme auswählt.

rauch.zeichen: In vielen Policen finden sich Versicherungssummen von EUR 50.000 oder weniger. Welche Versicherungssumme in Form der Invaliditätsgrundsumme empfehlen Sie für eine bestimmte Zielgruppe?

Panos Kalantzis: In den seltensten Fällen wird eine Unfallversicherung als „alleinstehende“ Absicherung empfohlen bzw. gekauft. Meistens erfolgt der Abschluss im Kombination mit einer Berufsunfähigkeits- oder einer Grundfähigkeitenversicherung.

Die Absicherung soll in der Summe den individuellen Kundenbedarf im Rahmen des vorgegebenen Budgets decken. Auch bei Kindern ist (schon ab dem Alter von 3 Jahren) eine Kombination von Grundfähigkeiten- und Unfallversicherung möglich. In allen Fällen finde ich, dass eine Grundsumme unterhalb von EUR 100.000 (ohne Berücksichtigung der Progression) wenig Sinn macht.

Welche Zusatzleistungen in der Unfallversicherung wichtig sind – und welche nicht.

rauch.zeichen: Wir halten es bei der Unfallversicherung grundsätzlich eher schlank und verzichten auf beitragspflichtige Zusatzleistungen wie eine Todesfallsumme oder Krankenhaustagegeld. Den gesparten Beitrag verwenden wir lieber zur Verbesserung der Invaliditätsgrundsumme.

Doch welche Zusatzleistungen können für bestimmte Kunden besonders wertvoll sein?

Panos Kalantzis: Ich sehe es ähnlich. Pflege ist ein sehr wichtiges Thema, dafür bevorzuge ich aber Tarife aus dem Krankenversicherungsbereich, die nicht nur eine unfallbedingte Pflegebedürftigkeit absichern. Dasselbe gilt für die von Ihnen erwähnte Todesfallleistung und das Krankenhaustagegeld.

Eine Zusatzleistung, die ich jedoch für besonders wertvoll in der heutigen Zeit halte, sind die Assistance-Leistungen!

Nach der letzten Erhebung des Statistischen Bundesamtes liegt der Anteil der Einpersonenhaushalte bundesweit bei 42,3%, der Anteil der 2-Personenhaushalte bei 33,2%.

Aus einem Unfall heraus kann ziemlich schnell Hilfsbedürftigkeit entstehen, zumindest bis die betroffene Person ihr Leben neu organisiert hat. Wer kocht, reinigt die Wohnung, kümmert sich um die Post, erledigt den Wocheneinkauf, bringt mich zum Reha-Termin und wieder nach Hause, kümmert sich um mein Haustier etc., wenn ich in den nächsten x Wochen/Monaten nicht dazu in der Lage bin?

Hier sprechen wir nicht von Invalidität oder Pflegebedürftigkeit, sondern von praktischer Hilfeleistung, die man dringend benötigt. Auch wenn man in einem 2-Personenhaushalt lebt: wer ist die zweite Person? Vielleicht das Kind eines alleinerziehenden Elternteils? Oder der berufstätige Ehegatte? Assistance-Leistungen entlasten nicht nur den direkt Betroffenen, sondern auch seine Angehörige. Dieser Punkt sollte aus meiner Sicht in jedem Beratungsgespräch zumindest angesprochen werden.

Bei der Tarifauswahl sollte man allerdings vorsichtig sein: es gibt Anbieter, die nur als Dienstleister fungieren (also, Hilfestellung organisieren), aber auch Anbieter (so wie die Bayerische) die sowohl Organisation als auch Kostenübernahme zusichern.

Nahezu einzigartig in der Unfallversicherung ist ein spezielles Produkt der Bayerischen

rauch.zeichen: Die Bayerische hat ein ganz spezielles Produkt im Bereich der Unfallversicherung, das so gar nicht in den Markt passt. Wie funktioniert es? Was kostet es? Wer sollte sich damit beschäftigen?

Panos Kalantzis: Sie meinen damit unsere Unfall-Police Individual. Das ist eine Unfallversicherung nach dem Schadenprinzip. Wir entschädigen den Kunden, als ob wir den Unfall vorsätzlich verursacht hätten.

Bei einer „klassischen“ Unfallversicherung wird ein pauschaler Betrag erstattet, z.B. bei 10% Invalidität gibt es 10% der Grundsumme. Im Gegensazu dazu zahlt die Unfall-Police Individual ganz individuell und zwar alle tatsächlichen und auch unerwarteten Kosten, die durch den Unfall verursacht wurden.

Der Fokus liegt dabei nicht auf den Grad der Beeinträchtigung, sondern auf die Folgen. Neben der finanziellen Absicherung bei Unfällen mit Invaliditätsfolge sind auch umfangreiche Folgekosten eingeschlossen, wie z.B.

  • Schmerzensgeld
  • Verdienstausfall
  • Ausgleich der Rentenminderung
  • Kosten für Umschulung
  • uvm.

Die maximale Entschädigung liegt bei EUR 10.000.000. Die Beitragshöhe hängt davon ab, wie hoch der versicherte Verdienstausfall sein soll. Bei Kindern und Erwachsenen in der Berufsklasse A mit einem versicherten Verdienstausfall von 500€ liegt der Beitrag bei EUR 9,90 monatlich, in der Berufsklasse B bei EUR 14,90.

Bei einem versicherten Verdienstausfall bei EUR 5.000 liegt der Monatsbeitrag je nach Berufsklasse bei EUR 34,90 bzw. EUR 49,90.

Es ist ein innovativer Ansatz, der sich besonders für Personen eignet, die schon bei einer niedrigen Invalidität einen hohen Absicherungsbedarf haben.

Herzlichen Dank!

rauch.zeichen: Wir bedanken uns nochmals recht herzlich für Ihre Zeit und diese wertvollen Informationen.

Wir sind besonders stolz darauf, dass wir Sie als Interview-Partner gewinnen konnten. Denn es ist nicht alltäglich, dass ein ausgewiesener Experte und Referent sich die Zeit nimmt, Dinge aufzuklären und so detailliert zu erläutern.

Wer es nach dem Lesen dieses Interviews immer noch nicht glaubt, dass eine Unfallversicherung ihr Geld wert ist, dem verweisen wir gerne auf unseren Beitrag Unfallversicherung als Kapitalanlage!

Gerne können Sie auch unser Kontaktformular nutzen, um mit uns in Verbindung zu treten.

Bildquellen: die Bayerische, pathdocauf stock.adobe.com

Schreibe einen Kommentar